Von Ötzis Vorfahren bis Kleopatra
Schon in der Steinzeit nutzten Menschen die Häute und Felle von Tieren, um daraus Kleidung oder Werkzeuge zu fertigen. Für die Bearbeitung des Rohmaterials kannte man damals aber nur einfache mechanische Methoden wie das Abwetzen mit Steinkeilen, das Kauen mit den bloßen Zähnen und das Einreiben mit Fett.
Erst als die frühen Menschen das Feuer beherrschen lernten, entdeckten sie – vermutlich rein zufällig – die erste Gerbtechnik: Das Räuchern über Feuer machte die Häute fester, formstabiler und hitzebeständiger. Wie wir heute wissen, ist dafür das im Rauch enthaltene Formaldehyd verantwortlich. Denn es bewirkt in der Haut eine Quervernetzung des Kollagens. Und genau eine solche gezielt herbeigeführte Kollagenvernetzung ist es, die (gegerbtes) Leder von (ungegerbter) Haut unterscheidet. Auch die heutigen, viel weiter entwickelten Gerbtechniken basieren auf diesem Effekt.
Spätestens um 1600 v. Chr. kannten die alten Ägypter die gerbende Wirkung bestimmter Pflanzen und damit das grundlegende Verfahren der noch heute gebräuchlichen Vegetabilgerbung. Daneben wusste man am Nil auch bereits um die gerbende Wirkung des Minerals Alaun. Diese Form der Gerbung sollte sich als besonders folgenreich für die weitere Lederverarbeitung erweisen. Denn heute werden Häute vornehmlich durch Mineralgerbung in Leder verwandelt.
Im antiken Griechenland und Rom hatte sich die Lederherstellung bereits zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor entwickelt. In Rom benutzte man zum Haltbarmachen verschiedenster Tierhäute Kiefern- und Erlenrinde, Granatapfelschale, Galläpfel, Sumach oder Eicheln. Trotz des Einsatzes rein natürlicher Gerbstoffe galt die Gerberei aber bereits damals als schmutziges Geschäft. Das dürfte nicht nur an den Gerbstoffen, sondern vor allem auch am üblen Geruch der rohen Häute gelegen haben, die teils über weitere Strecken transportiert werden mussten und dabei nicht, wie heute üblich, gekühlt werden konnten. So ließ man die schmutzige und harte Gerb-Arbeit am liebsten von Sklaven erledigen.
Im Mittelalter gab es bereits große Gerberei-Betriebe, die sich aber häufig in speziellen Vierteln am Rand der Städte ansiedeln mussten. Denn die reichen Bürger und Adligen wollten zwar gerne wertvolle Ledergürtel zur Schau tragen und ihre Pferde mit guten Riemen zäumen, aber die unappetitlichen und krank machenden Seiten der Herstellung dieser hochgeschätzen Güter hielt man lieber von sich fern. Die Weißgerbergasse in der mittelalterlichen Altstadt Nürnbergs, am alten Stadtrand und an der abfließenden Pegnitz gelegen, ist ein bis heute sichtbares Zeugnis der Ausgrenzung des wenig angesehenen Berufsstandes. Dabei hatten gerade die Weißgerber eine besonders schwere Aufgabe, stellten sie doch mit Hilfe des Minerals Alaun die heiß begehrten hellen, fast weißen Leder her. Alaun benötigt aber wie jedes Mineral bestimmte lösende Zusatzstoffe, um seine gerbende Wirkung zu entfalten. Da die chemischen Zusammenhänge für die Menschen des Mittelalter vollkommen undurchschaubar waren, experimentierten die Weißgerber aufs Geratewohl mit verschiedenen Zusätzen, darunter so „dufte“ Stoffe wie verfaulte Gülle.
Im 18. Jahrhundert wurde das Gerben zum Gegenstand der Wissenschaft. Die bis dahin sehr langwierigen Prozesse, bei denen die Häute oft monatelang in Gruben eingeweicht wurden, erfuhren dadurch eine erhebliche Verkürzung. Dazu trug im 19. Jahrhundert auch die Dampfmaschinen-Technologie viel bei. Außerdem wurden aus den südamerikanischen Kolonien wirkungsvollere vegetabile Gerbstoffe eingeführt: Mimosa und Quebracho aus Südamerika spielen noch heute eine wichtige Rolle in der vegetabilen Gerbung. Im Zuge der allgemeinen Industrialisierung wurde das Lederhandwerk Mitte des 19. Jahrhunderts zu einem der bedeutendsten Wirtschaftszweige. Auch mit dem Umweltschutz und insbesondere der Abwasseraufbereitung beschäftigte man sich schon damals intensiv.
Mit der zunehmenden Erforschung chemischer Prozesse erlebte die Lederherstellung ihre größte Revolution. Das 1861 patentierte Chrom-Gerbverfahren und die Entwicklung synthetischer Farb- und Gerbstoffe eröffneten neue Dimensionen in Sachen effizienter Herstellung und qualitativer Weiterentwicklung des Produktes Leder. Gleichzeitig machten aber die mit der Entwicklung der chemischen Industrie aufkommenden Kunststoffe dem Leder zeitweise erhebliche Konkurrenz am Markt. Die ökologische Verbesserung der Gerb- und Verarbeitungsprozesse, die populäre Leder-Mode und der stets zunehmende Fleischkonsum, der Tierhäute in ausreichender Zahl liefert, sicherte dem Leder aber seinen Platz als beliebtes Bezugs- und Bekleidungsmaterial.