Echtes Leder: Eine Haut mit vielen Gesichtern!

Überblick über die verschiedenen Lederarten

Leder Muster 2

Vollnarbenleder (= vollnarbiges Leder) und Voll-Leder

Die sichtbare Oberfläche der Lederhaut bezeichnet der Lederfachmann als den Narben. Je perfekter der Narben von Natur aus ist, um so hochwertiger und schöner wird später das Leder. Von den vielen Häuten, die in der Gerberei ankommen, ist aufgrund der individuellen, naturgegebenen Unterschiede bei nicht einmal 20% aller Häute der Narben so schön und fest, dass er keiner Bearbeitung bedarf. Nur die allerbesten Häute werden deshalb zu Vollnarbenleder verarbeitet. Beim Vollnarbenleder bleibt der Narben vollkommen erhalten. Die natürlich gewachsene Oberfläche wird weder in Dicke noch Substanz verändert oder verjüngt. Voll-Leder kann ebenfalls nur aus sehr guten Natur-Häuten hergestellt werden, jedoch werden hierbei eventuell vorhandene kleine Unregelmäßigkeiten durch leichtes Schleifen der Oberfläche ausgeglichen. Im Wesentlichen bleibt der naturgewachsene Narben aber auch beim Voll-Leder erhalten. Werden stärkere Ausgleichssarbeiten am Narben vorgenommen, darf das Leder nicht als Vollnarbenleder oder Vollleder bezeichnet werden. 

Die Zuricht-Techniken: Anilinleder (= naturbelassene Leder), Semi-Anilinleder, gedecktes Leder

Um eine möglichst breite Auswahl an Farbtönen anbieten zu können, wird Leder nach dem eigentlichen Gerben gefärbt. Dabei kommen verschiedene Techniken zum Einsatz, die auch das Aussehen des Leders verändern können und daher für den Kunden durchaus von Interesse sind. 

Leder, das mit transparenten Farbstoffen durchgefärbt wurde, nennt man Anilinleder. Ganz bewusst wird bei dieser Färbtechnik keine Abdeckung der sichtbaren Hautporen und der Oberfläche des Leders vorgenommen. So bleibt das natürliche Narbenbild und die Atmungsaktivität nahezu vollständig erhalten. Anilinleder sind deshalb ideal für alle, die den natürlichen, kernigen Charakter von Leder lieben. Denn natürliche Farbunterschiede und Abweichungen des Narbenbildes werden nicht abgedeckt, sondern bewusst erhalten. Da sich für ein solches Verfahren aber nur von Natur aus sehr regelmäßig gewachsene, vollnarbige Leder eignen, hat Anilinleder schon aufgrund der erforderlichen Selektion des Ausgangsprodukts seinen Preis. Darüber hinaus stellt es besondere Ansprüche in Sachen Pflege. 

Das Gegenstück zu Anilinleder ist das gedeckte Leder. Hier wird auf die Lederoberfläche eine voll deckfähige Schicht aus starken Pigmenten und die Oberfläche versiegelnden Materialien aufgesprüht, die sich fest mit der Hautoberfläche verbindet. Dadurch werden alle Unregelmäßigkeiten der Lederoberfläche perfekt abgedeckt und es entsteht eine sehr glatte, gleichmäßig gefärbte Oberfläche, die noch dazu sehr pflegeleicht ist. Allerdings büßt das Leder dadurch an natürlichem Aussehen ein und ist auch, da die Poren ja versiegelt wurden, nicht mehr so atmungsaktiv. Die gedeckte Zurichtung wird meist auf Spaltleder oder stark geschliffene Leder angewendet

Eine Synthese aus Anilin-Leder und gedecktem Leder stellt das Semi-Anilinleder dar. Auf vollnarbigem oder narbenkorrigiertem Leder werden dünne Oberflächenbeschichtungen aufgetragen, die die natürliche Hautoberfläche nicht ganz abdecken, aber Unregelmäßigkeiten ausgleichen. So kann man noch etwas von der natürlichen Lederoptik genießen, ohne bei der Pflegeleichtigkeit zu große Abstriche machen zu müssen. 

Narbenleder, Spaltleder, Blankleder, Dickleder

Bei den allermeisten Möbelledern wird die gereinigte Haut (die "Blöße" ) in zwei Schichten gespalten. Traditionell geschieht dies vor der Gerbung. Die obere, ursprünglich behaarte Seite wird Narbenspalt genannt. Er wird zum Narbenleder weiterverarbeitet. Die Unterseite ist der Fleischspalt. Wie dick jede Schicht jeweils geschnitten wird, hängt vom weiteren Verwendungszweck ab. Der Fleischspalt kann anderweitig weiterverarbeitet, aber auch gegerbt werden und ergibt dann das Spaltleder bzw. den Spaltvelours. Bei entsprechender Veredelung eignet sich Spaltleder durchaus auch als preiswertes Möbelleder. Hochwertigere Möbelleder wie z.B. Nappaleder werden aber aus dem Narbenspalt gefertigt. In der Regel beträgt die Stärke 0,9 bis 1,2 Millimeter. Für Dickleder wird ein besonders starker Narbenspalt mit einer Stärke von mehr als 1,4 Millimetern verwendet. Es weist, besonders wenn es vom Büffel stammt, eine kernige, wertvolle Optik auf, lässt sich aber nicht für alle Polstermöbel verwenden: Seine aufgrund der Stärke eingeschränkte Formbarkeit setzt der Verarbeitung Grenzen.

Eine Klasse für sich stellt das sogenannte Blankleder dar, das traditionell rein vegetabil gegerbt wird. Hierfür wird die gesamte, ungespaltene Haut in ihrer vollen natürlichen Stärke verarbeitet. Es eignet sich besonders für die „selbsttragende“ Verarbeitung, insbesondere für die Bespannung ungepolsterter Stühle wie z.B. Freischwingern. Außerdem wird daraus hochwertigstes Sattelzeug gefertigt. Für die Verwendung als Sofabezug ist Blankleder aufgrund seiner Dicke meist zu unflexibel. 

Rauleder, Nubukleder, Veloursleder, Wildleder

Rauleder ist der Überbegriff für alle Lederarten mit einer geschliffenen und dadurch samtig aufgerauten Gebrauchsseite. Für Nubukleder wird dafür ein Narbenspalt verwendet, der an der ursprünglich glatten Oberseite leicht geschliffen wird. Dabei bleibt der Narben und die natürliche Porenstruktur erhalten und sichtbar. Für Wildleder wird ebenfalls von der Narbenseite her geschliffen, allerdings wird der Narben dabei komplett entfernt. Wildleder ist deshalb stets von beiden Seiten rau. Für Veloursleder wird hingegen die Fleischseite der Haut nach oben gewendet und durch Schleifen weiter aufgeraut. Im Unterschied zu Nubuk- und Wildleder kann Veloursleder aus Narbenleder oder aus Spaltleder hergestellt werden. Allen Rauledern gemeinsam ist der charakteristische „Schreibeffekt“: Wischt man über das Leder, bleiben sichtbare helle oder dunkle Spuren zurück, weil sich die Fasern der Oberfläche in eine Richtung legen. Dass für Rauleder nicht gerade die allerschönsten, makellosesten Häute Verwendung finden, liegt auf der Hand. Wäre es doch denkbar unsinnig, deren Narben zu schleifen! Das muss aber keineswegs bedeuten, dass die für Rauleder verwendeten Häute in Sachen Dichte und Festigkeit schlechter sind als Häute, die zu Voll-Leder werden. 

Nappaleder – besonders weich!

Der Name „Nappaleder“ steht für eine besonders weiche Leder-Qualität. Ursprünglich bezeichnete der Begriff die Leder aus den Gerbereien im kalifornischen Nappavalley. Heute meint man mit „Nappa“ ein hochwertiges Leder mit bestimmten, mittels einer RAL-Norm (060-A2) genau definierten Eigenschaften: 

Nappaleder sind besonders weich. Dies wird durch besonders aufwendige Gerbung, Weiterverarbeitung und Veredelung erreicht. Ursprünglich war diese Weichheit nur mit Hilfe der Chromgerbung zu erzielen. Mittlerweile gelingt dies jedoch auch mit anderen, synthetischen Gerbstoffen, weshalb man in neuerer Zeit häufig auf die Bezeichnung "chromfreies Nappaleder" trifft.

Nappaleder sind grundsätzlich vollnarbige Leder. Der Narben mit den natürlichen Poren muss vollständig erhalten sein und darf nicht durch Schleifen oder andere Verfahren verändert oder verringert worden sein. Dieses Kriterium wird im Umgang mit dem Begriff „Nappaleder“ aber nicht immer im vollen Umfang berücksichtigt. Bisweilen findet man daher auch Leder als "Nappaleder" beworben, die streng genommen keine Nappaleder sind. 

Nappaleder sind durchgefärbt. Sie weisen über ihre gesamte Dicke einen einheitlichen Farbton auf. Ausnahmen hiervon sind Leder, deren Farbe nach dem Gerben im Ton-in-Ton-Bereich der gewünschten Endfarbe liegt. Eine Durchfärbung wäre hier schlicht überflüssig.

Rinderrassen – Lederklassen

Skizze Normal gestellte Rindshaut

Polstermöbel-Leder stammt überwiegend vom Rind. Jedoch ist nicht die gesamte Haut eines Rindes für Qualitätsleder geeignet, sondern speziell das gleichmäßig starke und dichte Mittelstück, auch Kern genannt. Bei einer normal gewachsenen (der Fachmann sagt "normal gestellten") Rindshaut nimmt der Kern ca. 50% der Haut ein. Je nach Rasse, Alter, Geschlecht und Haltung variiert dieser Wert aber. Außerdem beeinflussen diese Faktoren auch die Struktur des Narbens (die sichtbare Oberfläche des Leders) und die Qualität der gesamten Haut. So ist die Haut von Rindern aus Freilandhaltung tendenziell besser als die von im Stall gehaltenen Rindern. Ebenso eigenen sich Häute von auf Hochleistung in der Fleisch- oder Milchproduktion gezüchteten Rindern weniger gut als die von Doppelnutzungsrassen. Außerdem nehmen Büffelhäute wegen ihrer charakteristischen Narbenzeichnung einen besonderen Platz ein.