Vom Spinnen und Weben

Kleine Geschichte der Stoffherstellung

Am Anfang war der Zweig

Spinnen und Weben gehören zu den ältesten Handwerkstechniken der Menschheit und sind aufs Engste mit der Entwicklung unserer Gesellschaft verbunden. Schon die Steinzeitmenschen verflochten Zweige miteinander, um daraus verschiedene Gebrauchsgegenstände herzustellen. Aus dem  Bedürfnis nach flexibleren Materialien entstanden Techniken, mit denen Pflanzenfasern und Haare zu langen Fäden verarbeitet werden konnten: das Spinnen wurde erfunden. Diese flexiblen Fasern ließen sich in unterschiedlicher Weise miteinander verbinden. So entstand auch das Weben, bei dem, im Unterschied etwa zum Flechten, zwei Fäden rechtwinklig miteinander verkreuzt werden.

Spätestens in der Jungsteinzeit hatten die Menschen Konstruktionen entwickelt, die ihnen die Arbeit des Webens erleichterten. Beim sogenannten Gewichtswebstuhl wurde eine Gruppe von Fäden vertikal in ein fast senkrecht stehendes Gerüst gebunden. Unten beschwerte man die Fäden mit Steinen, um sie so straff zu halten. Um den Querfaden (= Schuss) zwischen die Längsfäden (= Kette) zu weben, ging man vor dem Gerüst hin und her.

Der senkrecht stehende Gewichtswebstuhl ist die früheste Art eines Hochwebstuhls. Daneben gab es auch waagrecht aufgestellte Flachwebstühle: Etwa 2000 v. Chr. wurden auf ägyptischen Wandbildern Frauen beim Weben dargestellt, die neben einem solchen Webstuhl auf dem Boden hocken. Die Längsfäden wurden dabei über 2 Balken geführt und die Balken mit je 2 Pflöcken so in den Boden gesteckt, dass die Grundfäden auf Spannung gehalten wurden.  

Göttliche Webkunst: Weberinnen als intellektuelle Elite

Bedenkt man die Einfachheit der zur Verfügung stehenden technischen Hilfsmittel, so kann man noch heute nur darüber staunen, welch kunstvolle Musterungen und feine Gewebe die Weberinnen des Alterums herstellten. Im antiken Hellas etwa war der einfache Gewichtswebstuhl in Gebrauch. Gleichwohl produzierten die Frauen – denn das Weben war damals eine weibliche Domäne – hauchzarteste Gewebe, wie sie mit unseren heutigen, hochentwickelten und computergesteuerten Webmaschinen kaum mehr herzustellen sind. Schon aufgrund des als Grundmaterial erforderlichen hochfeinen Garnes würden solche Stoffe heute ein Vermögen kosten. Damals arbeiteten die Weberinnen viele Monate, eventuell sogar Jahre an einem einzigen Kleidungsstück. Solch edle Hüllen konnten sich natürlich nur besonders wohlhabende und hochstehende Personen leisten. Die Weberinnen brauchten aber nicht nur extremen Fleiß und viel Fingerspitzengefühl, sondern auch ein immenses Maß an Konzentration und künstlerischer Gestaltungsfähigkeit. Denn für die teils überaus aufwendigen, filigranen Muster mussten die Fäden höchst kunst- und planvoll verkreuzt werden. So wundert es nicht, dass das Weben in der Antike ein Sinnbild für die menschliche Intelligenz war. Entsprechend hoch war auch das gesellschaftliche Ansehen der Werberinnen. In der antiken Mythologie wird das Weben denn auch als eine der Göttin würdige Tätigkeit beschrieben. 

Wolle in Hülle und Fülle: Neue Materialien beleben das Webgeschäft

Im Laufe der Jahrhunderte wurden die Spinn- und Webtechniken weiterentwickelt. Erste Trittwebstühle erlaubten das planvolle Anheben bzw. Absenken der Kettfäden, sodass der Schussfaden schneller und fehlerfreier hindurchgefädelt werden konnte. Etwa im 13. Jahrhundert wurde das Spinnrad erfunden. Das erlaubte eine effektivere Garnproduktion und beseitigte einen Versorgungsengpass der Stoffproduktion. Denn das aus Flachs oder Wolle hergestellte Garn war wegen des extrem arbeitsaufwendigen Spinnens bis dahin ein knapper Rohstoff. Ab dem 14. Jahrhundert wurde Baumwolle aus dem Orient nach Europa importiert – in Deutschland erstmals durch den Augsburger Kaufmann Johannes Fugger. Die daraus gewonnen Stoffe waren zunächst so teuer, dass nur die wohlhabendsten Bürger sie sich leisten konnten. Und zu dieser High Society gehörte alsbald auch die vormals arme Leinweberfamilie Fugger. Denn das Baumwollgeschäft schlug voll ein. Aber erst die Ende des 18. Jahrhunderts entwickelten Spinnmaschinen machten die kurzfasrige und daher nur langsam zu spinnende Baumwolle erschwinglich. Etwa zur gleichen Zeit begannen schottische Siedler in Australien und Neuseeland mit der Schafhaltung. Ihre riesigen Herden versorgen bald die ganze Welt mit bis dahin ungeahnten Mengen an Wolle und gaben der Weberei weiteren Auftrieb. 

Hemden für alle! Die Industrie verdrängt das Handwerk

Leider hatten die Weber selbst vom Florieren der Weberei keinen großen Vorteil. Denn die einsetzende industrielle Revolution beraubte sie ihrer wirtschaftlichen Grundlage. Hatte das Weber-Handwerk bis dahin vielen Menschen Arbeit gegeben, so wurden die Menschen jetzt durch Maschinen ersetzt. Weitreichende Armut und soziale Aufstände waren die Folge und prägten das gesellschaftliche Leben des 19. Jahrhunderts. Es dauerte Generationen, bis die mit der Industrialisierung erreichte Produktivitätssteigerung und Preissenkung das wirtschaftliche und soziale Gleichgewicht wieder herstellte und zu mehr Wohlstand für (fast) alle führte: Während ein Arbeiter am Beginn der Industrialisierung nur ein Hemd hatte, besitzt er heute einen ganzen Schrank voll.

Garne aus dem Labor: Die Entwicklung der Kunst-Fasern

Im 20. Jahrhundert erfuhr die Textilherstellung eine weitere Revolution durch die Entwicklung der Kunstfasern. Die wissenschaftliche Grundlage dafür lieferte der deutsche Chemiker Hermann Staudinger, der 1925 die molekulare Kettenstruktur natürlicher Fasern entschlüsselte. Denn erst das Wissen um den Bauplan natürlicher Fasern ermöglichte ihre Imitation im Labor. 1935 gelang amerikanischen Chemikern die synthetische Herstellung eines spinnfähigen Polyamids. Fünf Jahre später kamen die weltbekannten Nylonstrümpfe auf den Markt. Nur kurze Zeit später entwickelte unabhängig davon der deutsche Chemiker Paul Schlack das Perlon, ebenfalls eine Art von Polyamid. Von da an revolutionierten die Kunstfasern den Textilmarkt und sind wegen ihrer ausgezeichneten Haltbarkeit und Strapazierfähigkeit heute auch im Bereich der Möbelstoffe nicht mehr wegzudenken. Neben reinen Kunstfaserstoffen kommen dabei auch Mischgewebe zum Einsatz, bei denen die Vorteile der Kunstfaser mit den Vorteilen der Naturfaser kombiniert werden. 

Jacquardwebstuhl mit Lochkartensteuerung Jacquardwebstuhl um 1900